Simulacrum als Abbild = Spiegelbild

BILD - ABBILD - SPIEGELBILD


Wir möchten abschließend Parallelen von "The Simulacra" von Philip K. Dick zu Lacans Spiegelstadium bzw. seinem Verständnis der "Ich-Herausbildung" aufzeigen, besonders hinsichtlich des (VER)Kennens durch das „Bild“ (Abbildung) im Spiegel.


Wie bereits erwähnt, findet sich im Duden (Fremdwörterbuch, 6. Auflage: Mannheim 1997 ) das Wort „Abbild“ als Beschreibung.

Das Wort Abbild führt uns nun schnell zu einem Spiegel, in dem alles, was wir darin erblicken, ein Abbild der Wirklichkeit darstellt, ein „Spiegelbild“.


Lacan beschäftigte sich mit der Beobachtung des Psychologen James Mark Baldwin, demnach Kinder zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat ihr eigenes Bild in einem Spiegel erkennen.
Das Kind betrachtet sich, laut Lacan, eingehend im Spiegel und begrüßt sein (Ab)bild mit einer „jubilatorischen Geste“ der Verzückung. Dies sieht Lacan als Identifikation des Kindes mit seinem Bild, welches sich in dem Spiegel das erste Mal selbst begegnet. Es sieht sich zum ersten Mal „vollständig“ und nicht „zerstückelt“ aus der Leibperspektive (aus der man das eigene Gesicht nie sehen kann und eigenen Gliedmaßen unzusammenhängend als abgetrennt erscheinende „Partialobjekte wahrgenommen werden).

Das Ich, dass in diesem „Spiegelstadium“ entsteht, basiert auf einem Bild und konstituiert deshalb eine ganze „Sphäre des Bildhaften“ innerhalb des Psychischen, die Lacan mit dem einflussreich gewordenen Begriff „des Imaginären“ bezeichnet. (Das Imaginäre ist jene Existenzweise des Subjektes, die auf dem Blick und der Identifikation beruht und in der das Selbstbewusstsein angesiedelt ist.)

Diese imaginäre Einheit des Körpers im Spiegel ist noch keine reale Einheit, deshalb besitzt die Identifikation des Kindes mit seinem Bild eine „Verkennungsfunktion“ (Spiegelstadium, S. 69) – das Erkennen ist zugleich ein Verkennen.
Das Kind sieht nicht „Sich-selbst“ im Spiegel, sondern eben nur sein „Bild“ (Abbild).


Abbild oder Simulacrum

Auch die Simulacren in Philip K. Dicks Werk sind Abbilder der Wirklichkeit. (Vergleich: erwerbbare Nachbarn – Abbild von Nachbarn)

Nun handelt es sich bei den Hauptfiguren des Werkes nicht um Kinder, sondern um Erwachsene, die in einer eher gefühlskalten Welt voller Simulacren leben und diese als solche wahrnehmen können – oder es zumindest glauben.
Doch ihre Nicole ist ein Simulacrum von dem sie nichts wissen. Sie ist ein Abbild einer Idealfrau, von einer Schauspielerin dargestellt, auf die Gefühle projiziert werden, die sonst eher in der „Simulacra-Welt“ selten sind.

So erscheinen Dick´s Figuren tatsächlich auch „Kind-ähnlich“ beachtet man ihre Hilflosigkeit und blindes Vertrauen auf Nicole und die Regierung, die dennoch positiv besetzt, totalitär herrscht. Dies ermöglicht die Mutterfigur der Nicole, die den Kindern des Staates – den Bürgern - ein Abbild ihrer Wünsche darstellt.

Sie sehen nicht Nicole, die Präsidentin – sondern nur ein Bild (Abbild), ebenso wie Kinder laut Lacan nicht sich selbst, sondern nur ein Bild sehen.
Dies führt zu der Verkennung des Gesehenen.


Das Imaginäre – die Sphäre des Bildhaften – beruht hier auf dem Blick und der Identifikation der Hauptbezugsperson (mit der sie dennoch selten oder nie in Kontakt kommen) Nicole, die verkannt und somit vergöttert und idealisiert wird.
Sie spielt als Schauspielerin eine Rolle und erscheint dennoch nicht „als ob“ (bewusst in einer Theaterrolle), sondern „als“ (in einer Sozialrolle) für ihre Kinder/Bürger. Dieses „als“ definiert sich für jeden Bürger anders. Als Mutter, als Göttin, als Beschützerin, als Berühmtheit, als Idol etc.


Somit lassen sich von dem Werk „Simulacra“ zu Lacan`s „Spiegelstadium“ und vor allem den daraus gezogenen Schlüssen viele Parallelen erkennen, die zusammenfassend das Simulacrum als Abbild oder Spiegelbild definieren.
Diese Definition ist für uns beim Lesen viel stärker hervorgetreten als etwa eine Assoziation zu „Simulieren“.
Sozusagen erscheint für uns das Simulacrum „als“ Spiegelbild und nicht „als ob“ es simuliert worden wäre.




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Vglw:
http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelstadium
Jacques Lacan: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint, in: Schriften I, Weinheim/Berlin: Quadriga 1986, S. 61-70

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Kernfache Medienwissenschaften Uni Wien SS 2009

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